Gedanken

Heimatgefühle – Die andere Seite des regionalen Reisens

Rassismus beim regionalen Reisen

Kann man auf der einen Seite die Idee von #SlowTravel gut finden, dem Thema ein ganzes Online-Magazin widmen und doch gleichzeitig auf die Kehrseite des regionalen Reisens aufmerksam machen? Unbedingt – vor allem wenn man selbst bikulturell in Deutschland  aufgewachsen ist. Deshalb hier ein Text, der nicht nur SEO-mäßig aus der Norm fällt. Manchmal ist eben nicht alles so wie im Heimatroman

Ein Knoten musste platzen: Der Knoten, der in meinem Kopf immer größer würde, so sehr, dass ich diesen Artikel schon gar nicht mehr schreiben, geschweige denn veröffentlichen wollte. Dabei war mir eins von Anfang an besonders wichtig zu sagen: Das hier ist kein Heimatmagazin. Keine Spielwiese für heimatverbundene Menschen, die auffällig stolz auf ihr Land sind und fremdes, beziehungsweise für sie fremd wirkendes nicht tolerieren wollen. Die deswegen im Urlaub auch immer schön auf Heimatreise gehen – man mag schließlich, was man kennt.

Es mag voreilig und polemisch gedacht sein, den immer beliebter werdenden »Slow Travel«-Begriff, also die Idee des achtsamen und bevorzugt regionalen Reisens, mit den Vorstellungen von rechtem Gedankengut zu verbinden. Nur leider schwingt dieser bittere (und niemals süße) Beigeschmack hier und dort immer wieder mit und ist vor allem nicht zu leugnen. Wir freuen uns über die Berge in Bayern, die Wälder in Thüringen und das Meer in Schleswig Holstein. Unwiderruflich kommen einem Bilder von diesen Orten in den Kopf, traditionell aufgeladene Bilder. Bilder von Weiß geprägten Vorstellungen. Hat das »Anderssein« dort einen Platz?

»Als bikulturell aufgewachsenes Kind habe ich sehr schnell gespürt, dass es Zuhause irgendwie anders abläuft als bei den anderen Kindern. Und als Sensibelchen hat mich das schon früh zum Nachdenken gebracht. Dass andere bei dem Wort Heimat eine örtliche Eingrenzung verspüren und diese nicht als multi-sensorisch wahrnehmen, ist mir fremd.« → Kim Gerlach

Rassismus beim regionalen Reisen

Heimaturlaub, nur anders

Dieser Text möchte keine romantischen Heimatgefühle abfeiern, sondern soll ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das Reisen durch Deutschland ohne Anfeindungen durch genau diese oben beschriebenen Heimatfreunde durchaus ein Privileg ist. Und warum es für das Seelenheil von bikulturellen Personen absolut notwendig ist, auch einmal in den Flieger zu steigen. Dorthin, wo man nicht für sein äußeres Erscheinungsbild in Frage gestellt wird, einem Ort der nicht Deutschland heißt. So einen Ort gibt es auch für meine Mama.

Als Kind und Tochter einer migrantischen Mutter, bin ich vergleichsweise oft mit meinen Eltern auf die ganz genau 16.968 Kilometer entfernten Philippinen zum Familienbesuch geflogen. Dafür wurden vor allem die langen Schulferien genutzt, in den kürzeren wurde dafür das Geld eingespart und die Zeit meistens Zuhause verbracht. Und mit Zuhause meine ich die eigenen vier Wände, keine Entdeckungstouren durch Deutschland. Ein Teil von mir ist wahrscheinlich auch deswegen so scharf darauf, die verschiedenen Regionen hier zu erkunden, um das verpasste nachzuholen. »Heimaturlaub« war für mich also lange Zeit durch das »Ausland« definiert und auf jeden Fall nicht-deutsch. Doch was bedeutet Heimat eigentlich? Für manche ist das wohl eine rein oberflächliche Auslegung, es muss die Hautfarbe zum zugeordneten Land passen. Sonst knackst das Weltbild.

»Ich bevorzuge schon immer Gegenden, die multikulturell und bunt sind, daher hat mich wahrscheinlich auch Berlin so angezogen. Die berühmte Frage‚ wo man denn ‘eigentlich’ herkommt, wird hier weniger gestellt. Sie fällt aber auch weniger ins Gewicht, weil die Mehrheit hier von irgendwoher anders herkommt. Heimat ist eher ein wohliges Gefühl des Dazugehörens, des Vertrauten. Heimat ist ein Gefühl, das nur zusammen mit anderen bestehen kann, und auch nur kollektiv entstehen kann. Also liegt auch die Verantwortung an jedem einzelnen immer wieder kritisch zu hinterfragen wie voreingenommen man selbst anderen gegenüber ist.« → Teniya Salazar

War doch gar nicht so gemeint

Ich erinnere mich an nur wenige Ausflüge innerhalb Deutschlands – einmal war ich tatsächlich mit meinem weißen deutschen Papa im Zug unterwegs. Als er kurz aufs Klo ging kamen erwachsene »Heimatfreunde« auf mich zu, fragten was ich hier (in ihrem Land) wolle und was mein Vater für eine Schande sei, ein Kind mit einer Frau wie meiner Mutter zu zeugen. Ich fragte mich vor allem, was dieser Spruch bedeuten sollte und war doch sofort eingeschüchtert. Dabei spiele ich mit meinem Aussehen locker in die Kategorie »white passing«, also Menschen, die rein äußerlich als Anhänger der Mehrheitsgesellschaft oder, anders ausgedrückt, der »Dominanzkultur« durchgehen und als weiß gelesen werden. Wie gehen Leute damit um, die sich nicht hinter so einer Doppeltarnung verstecken können? Die sich ständig solchen Sprüchen ausgeliefert fühlen müssen?

Solche Sprüche kommen leider nicht aus den 90ern, sondern sind allgegenwärtig, wenn ich mich mit Freunden und Bekannten unterhalte. Ob es der witzig gemeinte Hitlergruß auf dem Schulkorridor, das Stammtisch-Geblubber von der Kneipe an der Ecke oder der eigene Nachbar ist, der sich gerne über »die Anderen« aufregt. Letztlich schützt auch das Reisen nicht vor Alltagsrassismus. Eine weitere Erinnerung: Ich bin mit meiner Mama im öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Zwei Jungs spucken vor ihr auf den Boden mit der netten Bitte, dort hinzugehen, wo sie hergekommen ist.

»Wer in Deutschland Angst haben muss, im Regionalzug aufgrund des Äußeren angepöbelt zu werden, wird den ökologisch korrekten Naherholungsurlaub vielleicht nicht so attraktiv finden. Die Möglichkeit, per Flugzeug in wenigen Stunden Tausende Kilometer zurückzulegen, ist für manche auch eine Chance auf Ferien vom Rassismus. Und oft dienen diese Reisen ja nicht nur der eigenen Erholung, sondern auch der familiären Sorge und dem Zusammenhalt.« → Nadire Y. Biskin

Rassismus reist immer mit

Wenn man in Bayern aufwächst, ist man immer wieder umgeben von diesen Fantasien des perfekten Dirndl-Mädchens mit blond geflochtenen Zöpfen und hellem Teint. Wenn man nicht so aussieht, passt man dann noch ins traditionsbewusste Bild? Ist man dann noch »bayerisch«? Oder in meinem Fall, »fränkisch«? In einer bikulturellen Familie aufzuwachsen sorgt auf jeden Fall für eins: Verwirrung. Spätestens wenn die Frage kommt, woher man »wirklich« kommt. Es scheint immer noch ein stark verbreiteter Glaube zu sein, dass man ein bestimmtes Aussehen oder einen bestimmten Namen haben muss, um deutsch zu sein (übrigens auch ein Grund, warum meine Mama mir diesen sehr deutschen Namen gegeben hat). Das fällt einem beim Reisen durch Deutschland auch gleich auf, wenn man nicht gerade mit dem Zaunpfahl direkt darauf hingewiesen wird.

Enttäuschte Blicke, wenn man erzählt, dass man nur ein paar Kilometer weiter entfernt aufgewachsen ist und zur Verwunderung aller auch noch perfekt deutsch spricht. Aber auch nicht gebürtige Deutsche, die schon eine lange Zeit hier leben, bekommen von ihren Mitmenschen häufig zu spüren, dass sie anders sind und immer anders bleiben. So sorgt der Ausflug nach Brandenburg mit der »falschen« Hautfarbe nicht für Entspannung, sondern viel mehr für starrende Blicke. Dabei gibt es auch Gegenden, in die man bewusst nicht fahren möchte, da man mit weitaus mehr als bösen Blicken rechnen könnte. Flashback zu einer Zugfahrt von Würzburg nach Berlin: Es ist schon abends, ich unterhalte mich mit der einzigen Frau in meinem Abteil, um ein Gefühl von Sicherheit zu simulieren. Nach einiger Zeit schiebt sie ihr T-Shirt hoch und zeigt mir ihr überdimensional groß tätowiertes Hakenkreuz auf dem Bauch mit den Worten: »Ich find dich ja ganz nett. Wenn mein Freund aber hier wäre, würde er dir sicher eine klatschen«.

»Meine Hautfarbe sorgt immer noch für viel Irritation, wenn ich Deutschland als Heimat bezeichne. Manche sind so sehr überrascht, dass sie die gewählte Bezeichnung als eine Art neumodischen Protest auffassen. Anders ist es bei dem Begriff Herkunftsland – dieser wird bei mir sehr schnell mit dem Begriff Heimat gleichgesetzt. Diese (gesellschaftliche) Verwirrung oder vielleicht auch Sturheit führt dazu, dass es mir auch jetzt, als erwachsene Person, immer noch schwer fällt beide Begriffe zu differenzieren und anzunehmen, auch wenn ich weiß, dass mir die eigenständige Zuordnung beider Begriffe zusteht.« → Meron Hagos

Selbstverständlichkeiten und Flugscham

Mit den Selbstverständlichkeiten ist es so eine Sache. Selbstverständlich anzunehmen, dass Deutsche einem gewissen »Look & Feel« entsprechen. Selbstverständlich davon auszugehen, dass regionales Reisen für Jedermann und Jederfrau eine tolle Erfahrung ist. Selbstverständlich zum Wohle der Umwelt auf das Fliegen zu verzichten. »Klar wollt ihr Fliegen verbieten. Ihr habt ja auch keine Familie im Ausland«, so die Politik-Journalistin, Podcasterin und Sinn-Fluencerin Yasmine C. M’Barek in der aktuellen Brigitte Be Green. Und auch wenn das kein Freischein für Langzeitflüge werden soll, ist an der Aussage etwas dran. Nicht alle Deutsche fliegen im Billigflieger zum Ballermann nach Mallorca (um auch mal Klischees zu bedienen).

Ein paar von uns lassen viele tausende Kilometer hinter sich, um der Familie nah zu sein, um Zeit in dem Land zu verbringen, das einem von den »echten« Deutschen sowieso lieber angehängt wird. Dass man dort genauso wenig vor Rassismus verschont bleibt, ist natürlich noch einmal eine andere Geschichte. In Deutschland nicht deutsch genug, im »Ausland« nicht »ausländisch« genug. Man ist wohl immer gerne erst einmal der, der nicht dazugehört und sich erst beweisen muss. In Deutschland aufgewachsen, ohne wirkliche Sprachkenntnisse aus dem Mamaland (die Kindergärtnerin empfahl meiner Mutter, nur deutsch mit mir zu sprechen, es verwirre sonst die anderen), ist man auch dort erstmal eines: Anders.

»Mit dem Begriff Heimat assoziiere ich viele verschiedene Dinge. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich mit unterschiedlichen Definitionen von Heimat aufgewachsen bin. Im traditionellen Sinne, der Ort wo man geboren wurde. Für mich ist das Oldenburg, in Niedersachsen. Für meine Mama und für meinen Papa ist es allerdings ein anderer. Wobei mir beide sagen, dass sie mittlerweile so lange in Norddeutschland leben, dass es für sie ebenfalls eine Heimat ist. Mir stellt sich daher auch die Frage: Kann man mehrere Heimaten haben?« → Nicole Pöppl

Futter für das weiße Mindset

Mit diesen Worten möchte ich weder die Fern- noch die Nahreisen verteufeln. Wir berichten hier mit großer Freude über Ausflugsziele in und um Deutschland. Natürlich nicht aus Nationalstolz, sondern aus echtem Entdeckerdrang, dem Bedürfnis, der lauten Stadt hin und wieder zu entkommen und auf Reisen ins Gespräch mit anderen zu kommen und voneinander zu lernen. Ein paar meiner Motivationsgründe sind dabei auch herrlich praktisch: Ich habe zwar einen Führerschein, traue mich aber gar nicht hinter ein Steuer. Das Ausweichen auf Bus und Bahn ist quasi zum Standard geworden. Dazu sind die vergleichsweise kurzen Strecken eine richtige Wohltat gegen die langen Stunden im Flieger und natürlich wird gerade beim langsamen Reisen die Abenteuerlust befriedigt, die in uns allen schlummert. Umweltschonender ist es ganz nebenbei auch. Es gibt viele Gründe, die für regionales Reisen sprechen, wir sollten uns nur dabei daran erinnern, dass das unbefangene Heimatgefühl keine Selbstverständlichkeit ist. Wenn es denn überhaupt so etwas gibt.

Vielen Dank an alle, die ich in diesem Text zitieren konnte und mich an ihrer »Heimatgeschichte« teilhaben lassen. Diese hier erzählte Geschichte ist nur ein Auszug einer persönlichen Erfahrung, die es so oder so ähnlich auch von anderen bikulturellen Menschen zu berichten gibt. Eine passende Bücherliste dazu findest du hier. Wenn auch du deine Erfahrungen mit uns teilen möchtest, schreib uns gerne eine Mail oder kommentiere diesen Beitrag auf Instagram oder Facebook.


Unser Lesetipp zum Thema »Heimatgefühle«:

Female Empowerment der Extraklasse statt manifestierte Opferrolle: An der Schnittstelle von Migration und Feminismus zeigt das Buch »Mama Superstar«, mit welchem Mut und mit welcher Stärke migrantische Mütter auf vermeintliche Hindernisse in der neuen Heimat reagierten. Es sind Erzählungen von Hoffnung, kultureller Identität und gelebter Vielfalt. Auch die Geschichte von Mama Mernalyn aus den Philippinen wird hier nochmal von Tochter Annemarie erzählt. Weitere Erzählungen führen uns unter anderem nach Südkorea, Indien, Mexiko, Türkei und Irak. Zu jeder Geschichte gibt es noch ein passendes Rezept aus Mamas Kochbuch.
»Mama Superstar« von Melisa + Manik, 150 Seiten über Mentor Verlag


Mehr zu Umweltpolitik und Flugscham findet ihr in diesem Artikel von Nadire Y. Biskin. Das Zitat von Yasmine C. M’Barek zum Thema fehlende Diversität in der aktuellen Klimabewegung stammt aus dem Artikel »Ich muss mir das leisten können«, Brigitte Be Green 1/2020.


Fotos: Privat

Kommentare sind geschlossen.